Zwölf Fragen en Bloc(k)
mit Sabine Welsch und Jürgen Unterköfler
Gerald Block,
30.06.2012
» Zur Listenansicht
Sabine Welsch, Geschäftsführerin des Heimatvereins Darmstädter Heiner e. V. Foto: Tarik Calgici
Wie Darmstädter Persönlichkeiten ihre Stadt wahrnehmen, empfinden, begreifen und bewerten.
Vor Beginn des Darmstädter Heinerfestes (Donnerstag, 28. Juni bis einschl. Montag, 2. Juli 2012) stellten sich die Geschäftsführerin des Heimatvereins Darmstädter Heiner e. V. Sabine Welsch und der 1. Vorsitzende des Darmstädter Schaustellerverbandes Jürgen Unterköfler den Fragen von Gerald Block.
Gerald Block: Frau Welsch, Herr Unterköfler, wo haben Sie in der Heiner-Metropole das letzte Mal richtig lecker gegessen?
Sabine Welsch: Es gibt eine so vielfältige Esskultur in Darmstadt, dass mir die Antwort schwer fällt: Wenn ich Gelüste nach arabischen Speisen habe, gehe ich zu Haroun´s (Friedensplatz). Einen sehr leckeren Mittagstisch gibt es im Premier Cru (Ludwigstraße) - und immer eine gute Adresse für einen schönen Abend mit hervorragenden Gerichten ist Müller und Müller (Mühlstraße).
Jürgen Unterköfler: Vor gut zwei Wochen im Restaurant Sitte in der Innenstadt (Karlstraße) – einfach super lecker. Ich genieße die nette Atmosphäre, das etwas rustikale (altdeutsche) Ambiente und natürlich das kulinarische Angebot.
Gerald Block: Welche Darmstädter Restaurants / Bistros / Kneipen / Bars / Keller usw. sind für Sie unentbehrlich?
SW: Ich bin sehr gern in der Centralstation (City Carree) – das vielfältige Kulturangebot ist einfach unübertrefflich - und noch dazu ist mein Büro nur wenige Meter entfernt - das ist wie ein Heimspiel für mich. Außerdem nutze ich den großen Saal der Centralstation gern auch für Besprechungen. Und Darmstadt ohne den Grohe (Darmstädter Traditionsgaststätte mit dem urigen Bierhof in der Nieder-Ramstädter-Straße) kann ich mir einfach nicht vorstellen.
JU: Eigentlich mag ich mehr kleinere Lokale mit saisonaler Küche und mit traditionellen Gerichten. Insofern sind meine Favoriten: die Gaststätte Gebhart (Robert-Schneider-Straße), der Fohlenhof (Kranichsteiner Straße), der Kessel (Gutenbergstraße) und die Gaststätte Rabe (Dieburger Straße). Was ich überhaupt nicht mag sind Großketten wie Sausalitos und Vacaciones.
Gerald Block: Welche Heiner-Stadt „Hingucker“ (außer den ewig gleichen Motiven) dürfen Ihres Erachtens auf keiner Ansichtskarte fehlen?
SW: Sie gehört zwar zu den „ewig gleichen Motiven“, aber für mich ist die Mathildenhöhe mit dem verwunschenen Platanenhain, mit der Russischen Kapelle, die dem Musenhügel eine exotische Aura verleiht, mit dem Hochzeitsturm, den die Darmstädter liebevoll „Fünffingerturm“ nennen und mit den Jugendstilhäusern der Künstlerkolonie einfach der schönste Platz in Darmstadt. Hier ist immer noch die Aufbruchstimmung und der Optimismus der Lebensreformer von vor über 100 Jahren spürbar.
JU: Ich vermisse als Karten-Motive die etwas in Vergessenheit geratenen Katakomben (unter dem Biergarten in der Dieburger Straße) - ebenso die Kühlkeller und Schächte des ehemaligen Brauerei-Viertels unter der Mathildenhöhe und unser einzigartiges Schlossmuseum.
Gerald Block: Welche Woog-Town-Besonderheiten würden Sie Ihren Besuchern unbedingt zeigen wollen?
SW: Darmstadt ist grün (nicht nur politisch). Ich finde den etwas versteckt liegenden Botanischen Garten wunderschön. Ich liebe den Herrngarten - die „grün Stubb von Darmstadt“ - , durch die ich täglich radele, außerdem die Rosenhöhe mit den alten Mammutbäumen und den Gräbern der großherzoglichen Familie.
JU: Mal abgesehen von den üblichen Sehenswürdigkeiten würde ich meinen Gästen unbedingt ein UNESCO Welterbe, und zwar die Grube Messel zeigen. Darüber hinaus würde ich sie auch zur Teufelskralle (am Herrgottsberg mit dem Goethefelsen und Goetheteich im Bessunger Wald) führen, wo sich seinerzeit Johann Wolfgang von Goethe - wenn er in Darmstadt verweilte - oft aufhielt.
Jürgen Unterköfler, 1. Vorsitzende des Darmstädter Schaustellerverbandes. Foto: Gerald Block
Gerald Block: Was bietet Ihnen Heiner-Village in Sachen „Leben und Leben lassen“ (auch Nachtleben), Sport, Freizeit und Kultur?
SW: In unserer kleinen Großstadt wird viel geboten. Wir haben ein riesiges Kulturangebot, hervorragende Ausstellungen auf der Mathildenhöhe; Theateraufführungen im Staatstheater, im Mollerbau und auf der Neuen Bühne (Darmstadt-Arheilgen); Konzerte in der Centralstation und in der Bessunger Knabenschule. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von privaten Initiativen wie das Künstlerhaus Ziegelhütte (Kranichsteiner Straße) und natürlich das Heinerfest mit seinen über 100 Kulturveranstaltungen und, und, und.
JU: Das Freizeitangebot in der Stadt ist sehr vielseitig. Und gerade unser Bürgerpark Nord (Alsfelder Straße) ist als Chill-out-Zone, Sportgebiet und auch als Spaziergelände einfach super! Zu guter Letzt sind natürlich unser Darmstädter Weihnachtsmarkt und unser Heinerfest die Freizeit- und Fest-Highlights des Jahres.
Gerald Block: Besuchen Sie das Staatstheater und/oder andere Bühnen der Heiner-Stadt? Und was haben Sie dort zuletzt gesehen?
SW: Leider nutze ich das Angebot der Darmstädter Theater viel zu selten. Unlängst habe ich mir in der Bar der Kammerspiele (Staatstheater) einen kurzweiligen Vortrag "Welche Droge passt zu mir?" angeschaut - einfach klasse. Aber auch der „Mollerkoller“ (Theater Moller Haus in der Sandstraße) und die diversen Varietéveranstaltungen, die Rainer Bauer organisiert, sind sensationell.
JU: Würde mich in dieser Beziehung eher als Kulturbanause bezeichnen. Von daher sind Theater-Bühnen nicht unbedingt mein Ding – denn mein letzter Theaterbesuch ist mindestens 15 Jahre her. Was ich da gesehen habe, weiß ich nicht mehr.
Gerald Block: Welche spezielle Darmstadt-Lektüre bzw. Literatur würden Sie Freunden unbedingt empfehlen?
SW: Ich finde die kleinen, kompakten Fotobücher von Christoph Rau, die im Darmstädter Surface Verlag erscheinen, sehr schön. Im vergangenen Jahr ist eines mit dem Titel „60 Jahre Heinerfest Darmstadt“ (mit einem fotografischen Remix des Jubiläums) veröffentlicht worden.
JU: Würde meinen Freunden eigentlich viel lieber zwei große ZDF-Kultserien empfehlen, die Robert Stromberger (den ich sehr verehre) seinerzeit in Darmstadt und Umgebung gedreht hat, und die unsere Stadt noch bekannter gemacht haben. Also - „Diese Drombuschs“ (1983-1994) und „Tod eines Schülers“ (1981).
Gerald Block: Was gefällt Ihnen überhaupt nicht an Woog-City und Umgebung?
SW: Am wenigsten gefällt mir der Luisenplatz. Es ist für mich jeden Morgen ein Albtraum, diesen Platz mit dem Fahrrad zu überqueren, und mir einen Weg zwischen Straßenbahnen, Bussen, Autos und Passanten zu bahnen.
JU: Was mir absolut nicht gefällt ist die Ampelsteuerung und die damit verbundene Verkehrsführung in der Stadt. Das schließt natürlich auch die enorme Belastung der Innenstadt mit den Lastkraftwagen und Straßenbahnen usw. ein.
Gerald Block: Was sollte sich Ihrer Meinung nach unbedingt in der Datterich-Stadt ändern?
SW: Als Fahrradfahrerin wünsche ich mir mehr Fahrradwege – und überhaupt bessere Straßen.
JU: Die eben genannte Verkehrsführung. Ansonsten habe ich nichts weiter zu bemängeln.
Gerald Block: Was mögen Sie an Heiner-Downtown und Umgebung ganz besonders?
SW: Das Wichtigste in einer Stadt sind die Menschen, die dort leben. Ich habe hier gute Freunde - sie geben mir ein Gefühl von Heimat. Und mir liegt die Größe unserer kleinen Großstadt.
JU: Ich liebe das enorme Freizeitangebot in unserer Stadt. Ob Woog, Bürgerpark oder Lichtwiese - Darmstadt ist einfach überschaubar, und es lebt sich hier sehr angenehm.
Gerald Block: Welche Personen (auch aus der Vergangenheit) gehören für Sie zu den „Top Ten" bzw. wichtigen Personen der Stadt?
SW: Georg Christoph Lichtenberg und seine treffenden Aphorismen, Georg und Luise Büchner, Wilhelm Leuschner, die große Landgräfin Caroline, die Schnodderigkeit von Ernst Elias Niebergall und seiner so typischen Darmstädter Figur Datterich, das immer hilfsbereite Heinerfest-Dream-Team, Reiner Engel, der seinem Namen alle Ehre macht und mein Mann Ulli Emig.
JU: Der unvergessene Robert Stromberger; Heinrich Emanuel Merck, der Begründer des Merck-Unternehmens; Ernst Elias Niebergall (Datterich, Der tolle Hund); der Pionier der Elektrotechnik Erasmus Kittler; Bruno Labbadia und Ex-Oberbürgermeister Walter Hoffmann.
Gerald Block: Wie bewerten Sie den Lebensstandard der „Wissenschafts- und Kongress-Stadt“ Darmstadt und des Umlandes? (Notenskala: 1 = sehr gut bis 5 = mangelhaft)
SW: 2 – gut. Darmstadt hat kulturell sehr viel zu bieten. Langeweile gibt’s hier nicht. Man ist ruck-zuck in herrlicher Landschaft und im Odenwald. Die geographische Lage ist einfach perfekt, auch dann, wenn man in den Süden will.
JU: Gut, weil Darmstadt ein großes schulisches Angebot (einschließlich der Technischen Universität TU) bietet. Dementsprechend wird hier gut ausgebildet - viele Absolventen nehmen ihr erworbenes Wissen mit in ihre Heimatländer. Das kulturelle Angebot ist gemessen an anderen Städten sehr gut. Darmstadt ist innovativ, liegt im Grünen und hat einen zentralen Platz im Rhein-Main-Gebiet. Negativ: Die Verkehrssituation in der Innenstadt, der verbaute und zu eng bebaute Luisenplatz.