Wissenschaft im Kuhstall
Wie Bauern um die Milchmenge kämpfen
Von Jörn Perske,
16.04.2012
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Moderne Milchbauern dürfen beim Melken nichts dem Zufall überlassen. Foto: dpa
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Moderne Bauern dürfen nichts dem Zufall überlassen. Wenn sie beim Melken das Optimum herausholen wollen, holen sie sich Milchkontrolleure und Berater. Ein Verein hilft Landwirten in Hessen.
Neuhof/Alsfeld. Joana ist in Topform. Beim morgendlichen Melken lässt sie die Milch in Strömen fließen. 30,2 Liter gibt sie innerhalb weniger Minuten und ist damit Spitzenreiterin in der Statistik. Milchkontrolleur Paul Scheibelhut (61) tippt den Wert anerkennend in seinen Pocket-PC und Landwirt Jörg Vogel (39) nickt zufrieden. An diesem Tag wird das Melken auf dem Bauernhof im osthessischen Neuhof bei Fulda genau erfasst. Milchleistungsprüfung nennt sich das Prozedere und soll dem Landwirt wichtige Informationen für die Haltung seiner Tiere geben.
Spezialisiert auf solche Dienstleistungen ist der Hessische Verband für Leistungs- und Qualitätsprüfungen in der Tierzucht (HVL). Die Kontrolleure und Berater des Vereins sind in ganz Hessen tätig, ähnliche Organisationen gibt es auch in anderen Bundesländern. Sie dienen letztlich auch dem Verbraucherschutz. Wenn der HVL die Tiere - nicht nur Rinder, sondern auch Schweine, Schafe und Ziegen - erfasst, können zum Beispiel Molkereien und Schlachter die Ware zurückverfolgen.
Für Landwirt Vogel sind die Milchleistungsprüfungen eminent wichtig. Dafür gibt er etwa 2000 Euro aus, für elf Untersuchungen im Jahr. Im Gegenzug bekommt er wenige Tage nach der Milchprobe in seinem Stall dann aus dem HVL-Labor in Alsfeld seitenweise erhobene Daten und Fakten - alles mit Vergleichen zu den Vormonaten.
Gemessen wird nicht nur die Milchmenge, auch der Fett-, Eiweiß und Zellgehalt. Am Zellgehalt kann Vogel sehen, wie es um die Gesundheit seines Viehs bestellt ist. Anhand der Milchmenge und anderer Werte kann er das Futter abstimmen. "Kühe werden mittlerweile gezielter ernährt als Menschen", sagt Milchkontrolleur Scheibelhut und grinst. Vogel, studierter Landwirt, sagt: "Der Beruf wird immer technischer und wissenschaftlicher - eine Herausforderung. Man muss immer mehr und günstiger produzieren und sich dem Wettbewerb stellen."
Vogel ist laut Verbandsstatistik einer der erfolgreichsten Milchbauern Hessen. Er hat 115 Kühe - und die liefern Top-Erträge. Auch darüber führt der HVL Tabellen und macht die Arbeit der Bauern vergleichbar. Vogels Kühe geben im Durchschnitt knapp 30 Liter pro Tag und Tier. Er kann anhand der Statistiken verfolgen, wie ergiebig seine Tiere sind. Geben sie nicht genug Milch, landen sie beim Schlachter. Wichtig sind die Informationen aus der Milchprüfung auch für die Zucht. So kann der Bauer sehen, welche Bullen als gute Vererber taugen und guten Nachwuchs versprechen.
Eine Stellschraube, an der der Landwirt für besseren Ertrag drehen kann, ist auch das Drumherum im Stall. "Der Kuh-Komfort ist wichtig. Haben die Tiere genug Platz, Licht, Wasser und frisches Futter im Stall?", zählt Vogel auf. Wenn die Kuh sich wohlfühlt, gibt sie auch mehr gute Milch. Und dann geht es auch dem Familienbetrieb Vogel wirtschaftlich besser. "Wir leben zu 95 Prozent von der Milch. Wir müssen die beste Klasse, die S-Klasse, erzeugen", sagt Vogel. Denn dann gebe es einen halben Cent mehr pro Liter.
Mehr als 80 Prozent der knapp 4000 Milchviehbetriebe in Hessen nutzen den wissenschaftlichen Service des Leistungskontrollverbandes aus Alsfeld. Paul Scheibelhut, langjähriger, hauptamtlicher Kontrolleur des HVL, betreut rund 70 Betriebe im Landkreis Fulda. "Wenn der Landwirt wissen will, was bei ihm im Stall los ist, kommt er an unseren Analysen gar nicht vorbei." Im Melkstand von Bauer Vogel misst er die Milchleistung jeder Kuh und nimmt Proben. Die Besuche des Kontrolleurs erfolgen nach kurzfristiger Anmeldung, damit Bauern nicht manipulieren können. "Bescheißen macht aber auch keinen Sinn", sagt Scheibelhut. Vogel ergänzt: "Man würde sich nur selbst betrügen."