Ins A Kromminga steht für die Kunst zwischen den Geschlechtern
Von Inga Radel,
20.11.2010
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Ins A Kromminga
Frankfurt. Ins A Kromminga malt sich seine_ihre Lebensgeschichte von der Seele. Kromminga zeichnet zum Beispiel ein kleines Mädchen mit haarigen Beinen, das gerade mit Handgranaten auf ein Krankenhaus zielt. Oder Toilettenschilder für Frauen, Männer und Behinderte.
Darüber die Frage: «Das 3. Geschlecht?» Kromminga ist intersexuell, also von Geburt an weder Frau noch Mann. In erster Linie ist sie_er aber ein_e spannende_r Künstler_in. In der Galerie Wolfstaedter in Frankfurt am Main hängt noch bis zum 4. Dezember Krommingas Ausstellung «Public Interest».
An diesem Sonntag gehört der_die 40-Jährige, der_die im ostfriesischen Emden geboren wurde, in Bremen und den USA studierte und heute in Berlin lebt, zu den Nominierten für den Paula- Modersohn-Becker Kunstpreis in Worpswede.
Die Unterstrich-Schreibweise steht für das Dazwischen, den undefinierten, auch juristisch nicht anerkannten Raum. Kromminga meint, man könne auch abwechselnd von «er» und «sie» sprechen. «Wenn jemand ständig "sie" sagt, beschwer' ich mich schon mal: So, bitte jetzt zweimal "er".»
Kromminga ist auch Intersex-Aktivist_in, ihre_seine faszinierende Kunst ist zwar anklagend, aber nie krawallig oder unerträglich. «Ich möchte ja auch vermitteln und sympathisch werben für das Thema - dass sich Menschen fragen: "Was hab' ich damit zu tun? Wieso sollte ich mich damit beschäftigen?"»
Ja, sie_er habe auch «bösere Ideen», setze diese aber möglichst immer humorvoll um. Seine_ihre kritische Reflexion der medizinischen Normierungspraxis intersexueller Kinder, spiegelt sich zum Beispiel in einer «Prader»-Handtasche (2009) wider: Auf die Handtasche voller Haarbüschel sind kleine variierende Geschlechtsorgane gezeichnet. Andrea Prader war ein Schweizer Kinderarzt und Endokrinologe. Die grafische Skala der sogenannten Praderstufen wird heute noch als Klassifizierung nicht-normgerechter Genitalien verwendet.
Viele der Bilder aus Aquarell, Tusche, Bleistift oder Kohle zeigen romantisch-ironische Bildwelten von geschlechtsüberschreitenden Wesen zwischen Mensch und Alien (etwa Darth Vader aus «Star Wars»), auf Jahrmärkten vorgeführte «Wolfsmenschen» oder mythologischen Gestalten. Aus Ovids «Metamorphosen» taucht in den Installationen Krommingas die Geschichte von Hermaphroditus und der Nymphe Salmakis auf, die von der Entstehung des Hermaphoditen berichtet.
Gegen den mythologisierenden Begriff «Hermaphrodit» haben die meisten Intersexuellen etwas. Kromminga bevorzugt die freundlichere Kurzform «Herm» (englisch ausgesprochen). Ihre_seine Ausstellungen aus Wandbemalung und dazu arrangierten, bereits fertigen Bildern sind immer anders. «Ins ist wie ein DJ, der mit seinem Platten-Koffer zu einem Club kommt, und sich dann auf den Raum einlässt», erklärt Krommingas Frankfurter Galerist Jürgen Georg Wolfstädter.
In den letzten Ausstellungen war die Wandbemalung stets eine mit Kohle in Grau gezeichnete Riesenwulst. Diese erinnert an in einander verwickelte Würmer und ist das verbindende, teils rahmende Element verschiedener kleinerer Zeichnungen. Während Schwulen- und Lesben- Kunst fast ein eigenes Genre ist, ist die vor allem Intersexualität thematisierende Kunst noch neu. Kromminga fällt neben sich auf Anhieb nur der auch intersexuelle Fotograf Del LaGrace Volcano ein.
Als weiteres Merkmal der Kunst Krommingas hebt Wolfstädter (48) hervor: «Es ist keine Kunst, mit der man eine Zahnarztpraxis dekoriert. Es ist Kunst, die eine Haltung erfordert.» Es ist eine Kunst, die gewiss nicht kommerziell ist. So lebt Kromminga vor allem von Stipendien, 2008 hatte er_sie etwa ein Aufenthaltsstipendium im Künstlerhaus Schloß Balmoral in Bad Ems, von Jobs als Grafiker, einem Lehrauftrag in Kiel und Vorträgen in den USA.
Kromminga, 1,90 Meter groß, hat im Personalausweis zwei Namen stehen. Den Geburtsnamen Insa Dagmar Elisabeth Kromminga, und auf der Rückseite den Künstlernamen mit dem abgerückten A. Er_sie betont noch einmal, dass das Persönliche auch immer politisch sei: «Ich laufe ja jeden Tag in dieser Welt herum, die diese scheinbar klaren zwei Linien zieht.» Beim Interview in einem Café geht Kromminga auf die Toilette und kriegt von der Klo-Frau die Herren-Toilette zugewiesen. Die Frau scheint sich da sicher. Kromminga kann darüber auch lachen.