Mittelstufenschule: Rettung für die Hauptschule?
Von Ira Schaible, 02.03.2010
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Wiesbaden. Der neue hessische Rettungsversuch für die sterbende Hauptschule wird nach Einschätzung von Schulpraktikern weitgehend wirkungslos bleiben.
Die angekündigte freiwillige Einführung sogenannter Mittelstufenschulen, in denen Haupt- und Realschüler von Klasse 5 bis 7 gemeinsam lernen, sei höchstens ein Schritt in die richtige Richtung.
Die Regierungsparteien wollen an diesem Mittwoch im Landtag einen Antrag zum Erhalt der Schulvielfalt und -wahlfreiheit einbringen, dabei wird auch der neue Schultyp zur Sprache kommen, den Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) und Ministerpräsident Roland Koch (CDU) am vergangenen Freitag vorgestellt hatten.
«Im Endeffekt ist die Hauptschule wieder das letzte Rad am Wagen. Nach dem Motto: Die müssen sich einen Partner suchen oder laufen aus», sagt der Leiter der Wolfram-von-Eschenbach-Schule in Wiesbaden, Stephan Schloter, über das Konzept.
Seine Schule gehört zusammen mit dreien in Frankfurt zu den letzten reinen Hauptschulen Hessens. Für diese Schulen sei es schwer, einen Partner zu finden. «Die Realschulen kriegen ja genug Schüler, warum sollen sie das machen?», nennt Schloter den Hauptgrund. Als früherer Konrektor einer verbundenen Haupt- und Realschule habe er zudem erlebt, dass die Realschüler von diesem Schultyp weg blieben und stattdessen Integrierte Gesamtschulen (IGS) wählten.
«Die IGS sind der richtige Weg. Die Mittelstufenschulen sind nur eine Notlösung», stimmt die Leiterin der Offenbacher Geschwister- Scholl-Schule, Fanni Mülot, zu. «Die Eltern wollen Gesamtschulen. Das sind die eigentlichen Mittelstufenschulen.»
Mülots verbundene Haupt- und Realschule - was in etwa dem Konzept der Mittelstufenschulen entspreche - sei nach vier Jahren in der Umwandlungsphase zu einer IGS. «Die Lehrpläne für Haupt- und Realschulen gehen getrennte Wege. Die IGS sind dagegen ein durchdachtes und bewährtes Modell, Testsieger und Modellschulen», nennt sie einen Grund.
Die neuen Mittelstufenschulen sollen den Hauptschülern deutlich mehr Praxisbezug bieten und enger mit Berufsschulen zusammenarbeiten als die verbundenen Haupt- und Realschulen, erläutert ein Sprecher des Kultusministeriums den wesentlichen Unterschied.
An den Berufsschulen gebe es bereits einen eklatanten Lehrermangel, entgegnet der Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, Jochen Nagel. «Nicht an jedem Ort, wo es eine Haupt- und eine Realschule gibt, ist auch eine Berufsschule in der Nähe. Das führt in der Praxis zu Problemen.»
«Das Sortieren bleibt das Grundelement», kritisiert Nagel. Haupt- und Realschüler sollten auch an den Mittelstufenschulen schon früh getrennt werden. Dahinter stehe eine «Begabtenideologie», die zwischen theoretischer und praktischer Begabung unterscheide, obwohl es dafür überhaupt keine wissenschaftliche Nachweise gebe.
«Das Konzept ist ein Mäuschen, das keine große Überlebenschancen haben wird, weil es nicht an den richtigen Problemen ansetzt.» Es müssten ganz andere Fragen gestellt werden, etwa wie sich die Frust- Erfahrungen so vieler Hauptschüler vermeiden ließen. «Und die Realschul-Eltern bekommen jetzt das Gefühl, sie sollen das Problem mit ihren Kindern retten.»
Der Chef der anderen großen Lehrergewerkschaft VBE, Helmut Deckert, lobt die Mittelstufenschule zwar als Schritt in die richtige Richtung. Er sagt aber auch: «Sicher ist, dass eine solche Schule im Einzugsbereich einer eigenständigen Realschule keine Chance hat, weil Eltern nach der Klasse 4 alles meiden, was den alten Stallgeruch der Hauptschule hat.»
Die Sophienschule, eine der drei reinen Hauptschulen in Frankfurt, hat bereits vor rund einem Jahr einen Antrag gestellt, auch Realschule werden zu können, doch bislang gibt es noch keine Entscheidung.
Die Schule mit zwei zehnten Klassen, in denen Jungen und Mädchen die Mittlere Reife machen wollen, verspricht sich von gemischteren Gruppen positive Auswirkungen vor allem auf das Selbstbewusstsein der Hauptschüler, wie Konrektor Michael Gutacker- Müller sagt. Nicht überall in Frankfurt allerdings hätten die Realschulen Interesse an der Zusammenarbeit mit Hauptschulen.
In den Hauptschulen sammelten sich schwierige Schüler, da sind Schulsozialarbeit und Schulpsychologen wichtig, sagt der Wiesbadener Schulleiter Schloter. Davon hätten FDP und CDU aber nichts gesagt.
Die Lehrer in seinem Kollegium, die sich sehr für schwache Schüler engagierten, empfänden ihre Arbeit in der Diskussion um die Mittelstufenschule nicht entsprechend gewürdigt. Und die Schüler, die in den Realschulen scheiterten, landeten auch künftig in den Hauptschulen.