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Vom Tellerwäscher zum Starfotografen
Von Pierre-Christian Fink, 08.02.2010
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Gerd LudwigGerd Ludwig
Alsfeld. Der Weg zum Starfotografen begann für Gerd Ludwig am Autobahndreieck Kirchheim - mit 500 D-Mark in der Tasche. Gerade hatte er sein Lehramts-Studium abgebrochen: «Jeden Morgen den gleichen Weg zur gleichen Schule laufen - das konnte ich mir nicht mehr vorstellen.» Stattdessen wollte Ludwig die Welt sehen.

Nach seinem Start als Anhalter am Autobahndreieck reiste er ein Jahr lang durch Nordeuropa und die USA, schlug sich durch als Maurer, Matrose und Tellerwäscher. Weil ihm das Geld für Souvenirs fehlte, machte er Fotos. «Als ich zurückkam, wollte ich das machen, was mir am meisten Spaß bereitete - und das war plötzlich die Fotografie.»

Inzwischen, rund 40 Jahre später, gehört Ludwig zu den gefragtesten Fotografen der Welt. Wer Einzelunterricht bei ihm nehmen will, muss fast 150 Euro pro Stunde auf den Tisch legen. Ludwig arbeitet für die Zeitschrift «National Geographic», eine erste Adresse für Reportage-Fotografie.

2006 hat er den Lucie-Preis gewonnen, eine Art Oscar für Fotografen. Trotz aller Erfolge: Ludwig ist ein unauffälliger Beobachter geblieben - in schwarzen, verwaschenen Jeans und dunkelgrauem Pulli. Hinter einer Hornbrille eilen seine blauen Augen hin und her.

Auf ein gutes Foto kommen 100 unbrauchbare

Ludwig war auf allen Kontinenten unterwegs, hat die Umweltverschmutzung in Russland fotografiert, Indianer im brasilianischen Regenwald und hungernde Kinder in Burkina Faso. «Nach 70 Ländern habe ich aufgehört zu zählen.»

Oft arbeitet Ludwig mit extremen Weitwinkel-Aufnahmen. Dazu muss er seinen Motiven ganz nahe kommen. «Je näher man jemanden sieht, desto näher steht man ihm auch. Nur Verwandte und Freunde kennt man ganz aus der Nähe. Diese Intimität erzeuge ich mit dem Weitwinkel.» Ludwig will Menschen unverstellt vor die Kamera holen - möglichst in ihrem privaten Umfeld.

Wochen-, wenn nicht sogar monatelang ist Ludwig für jede seiner Reportagen unterwegs. Bis zu 40.000 Fotos schießt er in dieser Zeit - am Ende erscheinen davon nur rund 20 Bilder. «Ich fotografiere sehr riskant. Auf ein gutes Foto kommen gut und gerne 100 unbrauchbare.» Privat lässt Ludwig die Kamera deshalb meistens in der Tasche. «Als Fotograf von Familienfeiern bin ich mit meiner Technik vollkommen ungeeignet.»

Zwischen hessischer Provinz und kalifornischer Metropole

Oft fotografiert Ludwig die Habenichtse einer Gesellschaft. Armut kennt der 62-Jährige aus seiner eigenen Kindheit. Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Ludwig als Sohn von Heimatvertriebenen in einem Dorf bei Alsfeld im Vogelsberg geboren. «Wir hatten damals ein einziges Zimmer. Darin wurde geschlafen, gewohnt und gekocht.»

Erst als Ludwig sechs Jahre alt war, zog seine Familie in einen unscheinbaren Neubau am Stadtrand von Alsfeld. Dort verbringt Ludwig heutzutage rund zwei Monate im Jahr. Er arbeitet in einem weiß gestrichenen Zimmer mit einem großen roten Sofa und einem beigen Ikea-Sessel. Durch die Glasfront geht der Blick auf Gartenhäuschen und eine Berufsschule.

Die meiste Zeit des Jahres schaut Ludwig jedoch auf das Häusermeer von Los Angeles. Seine Hauptwohnung liegt an einem Hang über der kalifornischen Millionenstadt. Seit 1984 lebt Ludwig vorwiegend in Amerika. «Inzwischen habe ich sowohl den deutschen als auch den amerikanischen Pass - und tatsächlich schlagen da zwei Herzen in meiner Brust», sagt Ludwig in seinem Deutsch mit teils hessischer, teils amerikanischer Aussprache.

«Ich fühle mich sehr wohl in der Großstadt, aber ich trage dabei immer die Provinz in meinem Herzen.» Wenn Ludwig in seiner Heimat ist, trifft er alte Freunde. Abends geht er oft in die Kneipe «Zur Gemütlichkeit», wo es die besten Brathähnchen Alsfelds gibt.

Schon als Schüler unbequem

In der oberhessischen Kleinstadt kennen viele «Ludde», wie er dort mit Spitznamen heißt. Aufsehen erregte er schon als Jugendlicher - mit einer Rede am Alsfelder Gymnasium. Auf der Abiturfeier kritisierte er den autoritären Unterricht von Lehrern, die noch im Nationalsozialismus ausgebildet worden waren. Zwei Lehrer verließen aus Protest die Feier, wie sich Ludwig noch heute erinnert. Jahrelang habe daraufhin am Alsfelder Gymnasium kein Abiturient mehr eine Rede halten dürfen.

Für seine Reportagen fotografiert Ludwig Obdachlose und Neureiche, Prostituierte und Politiker. Um das Leid der Menschen bei Tschernobyl zu zeigen, wagte er sich mit der Kamera weit in das Innere des zerstörten Atomreaktors.

Im Libanon wurde Ludwig von Aufständischen gefangen gehalten und mit Maschinenpistolen bedroht. Solche Risiken geht der Fotograf ein, weil er Probleme öffentlich machen will. «Ich habe meinen Beruf begonnen, weil ich glaubte, dass Fotografie die Welt verändern kann. Diese Hoffnung habe ich noch immer nicht ganz aufgegeben.»


Weitere Informationen im Internet:

» www.gerdludwig.com
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