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Mein Opa mütterlicherseits
Die Eintracht Frankfurt-Kolumne
Von Henni Nachtsheim, 05.12.2009
Hennis Eintracht-TagebuchHenni Nachtsheims Eintracht-Tagebuch
Liebes Eintracht-Tagebuch,

als ich noch zur Schule ging, hatten wir einmal aufgrund großen Lehrermangels einen Dozenten von der Uni Frankfurt als Aushilfslehrkraft, der uns für ein halbes Schuljahr in Physik unterrichtete. Der gute Mann war schon über siebzig und durchaus das, was man gerne einen «alten Kauz» nennt.

Da er schwerhörig war, und sich zudem gerne mal vergaloppierte indem er mit einem Thema anfing, dieses urplötzlich verließ, um mit etwas komplett anderem weiterzumachen das er wiederum mit was ganz Neuem beendete, gerieten die Stunden bei ihm immer zu einer Art «Happening».

Was aber nicht heißen soll, dass er nichts drauf hatte. Einmal fragte ich ihn nach dem Unterricht, in dem es nach Quantenphysik und Thermodynamik schließlich um die zukünftige Entwicklung des Universums gegangen war, wie wahrscheinlich dies denn alles sei.

Worauf er antwortete: «Wissen Sie junger Mann, das mit der Wahrscheinlichkeit ist so eine Sache. Weil vieles, was wahrscheinlich ist, bei genauer Betrachtung dann doch wahrscheinlich eher unwahrscheinlich ist!»

Dieser Satz hat mein Leben nachhaltig verändert. Denn an diesem Tag hat er eine neue Leidenschaft in mir geweckt. Und zwar die für Prognosen. Ja, ich liebe Prognosen. Natürlich nicht solche, die auf Berechenbarkeiten basieren wie etwa die vor politischen Wahlen. Die sind ja langweilig.

Nein, ich meine die, die vor allem aus Annahme und Gefühl heraus entstehen. So wie zum Beispiel bei meinem Opa mütterlicherseits. Jeden Tag stand er in seinem Garten und schaute in den Himmel. Wenn er dann kopfschüttelnd meinte «Morje wird es schütte wie aus Kübeln und saukalt», stieg das Thermometer am nächsten Tag dank durchgehend strahlender Sonne auf 30 Grad.

Wenn es hieß «Am Sonntag mache mer alle zusamme an de Baggersee», saßen wir genau dann zusammen am Fenster und verfolgten das heftigste Gewitter des Jahres. Wenn er ankündigte, aufgrund seines persönlichen Biohochs endlich das marode Dach zu reparieren, fesselte ihn sein noch maroderer Rücken ans Bett.

Und als er sich sicher war, dass sein VW-Käfer noch «locker 90.000 Kilometer» schaffen würde, blieb dieser prompt bei der kurzen Fahrt zum EDEKA nicht nur liegen sondern wurde kurz drauf verschrottet.

Aber, liebes Tagebuch, nicht nur mein Opa konnte sich irren. Im Jahr 1926 hat zum Beispiel ein Mann namens Lee De Forest im Hinblick auf das Fernsehen gesagt «Theoretisch und technisch mag das Fernsehen denkbar sein, aber kommerziell und finanziell sehe ich es als Unmöglichkeit an. Es ist müßige Zeitverschwendung, davon zu träumen». De Forest war übrigens Erfinder, und gilt als Vater des amerikanischen Radios.

Im Fußball gibt es auch Tag für Tag Prognosen. In meinem Freundskreis etwa war die Niederlage der Eintracht in Berlin bereits vor dem Spiel beschlossene Sache.

«Des is doch eh klar, die sind doch schon immer des personifizierte Aufbaumittel für Totgeglaubte. Die kriegen fünf Stück, fertisch.» Auch ich war eher suboptimistisch, gebe ich zu.

Aber auch wenn der Gegner eher schwach war, haben die Eintrachtspieler dennoch gezeigt, dass man schnell viel vorhersagen, man sich aber auch schnell viel irren kann.

Und genau dies nährt meine Hoffnung in diesen Tagen. Stell Dir doch mal vor, Tagebuch, dass diese Mannschaft uns hier plötzlich alle Lügen straft. Dass sie ihre spielerische Limitiertheit durch extremen Einsatz kompensiert, und endlich das Feuer zeigt, dass wir ihr nicht so recht zutrauen.

Dass Skibbes Lust am Angriffsfußball keine Seifenblase bleibt, sondern immer mehr erkennbar wird. Dass Korkmaz sich und uns wieder daran erinnert, dass er bei der letzten EM als Nationalspieler die Massen begeistert hat.

Und dass die wirklich starken Mainzer, allen Unkenrufen zum Trotz, besiegt werden. Mal ehrlich, das wäre doch einfach nur großartig, wenn sich all die derzeitigen Prognosen in Sachen Eintracht in Luft auflösen würden.

Ich weiß, was Du jetzt denkst, Tagebuch. Dass das unrealistisch ist, und ich vollkommen übertreibe. Mag sein. Aber ich erinnere mich an ein Wochenende, da hat mein Opa mir zugeflüstert, dass er spüre, dass es mit seiner Manneskraft für immer und ewig vorbei sei.

Und am nächsten Morgen lief unsere Oma kopfschüttelnd und selig grinsend durch die Gegend. Weil es eben nichts gibt, was es nicht gibt. Auch im Fußball. Und deswegen, liebes Tagebuch ... lass das doch einfach mal so stehen!

... in diesem Sinne!

Hendrik «Henni» Nachtsheim, einst Mitarbeiter der Sportredaktion der Frankfurter Neuen Presse, ist nicht nur in Hessen als die eine Hälfte des Comedy-Duos «Badesalz» bekannt. Früher war er Sänger der Rockband Rodgau Monotones.

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