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Sammelalbum Leben
Die Eintracht Frankfurt-Kolumne
Von Henni Nachtsheim, 30.10.2009
Hennis Eintracht-TagebuchHenni Nachtsheims Eintracht-Tagebuch
Liebes Eintracht-Tagebuch,

... heute habe ich einer kleinen Gruppe von Gymnasiasten für ihre Schülerzeitung ein Interview gegeben. Sie waren gut vorbereitet, und hatten neben den üblichen Fragen («Warum heißt Ihr ,Badesalz?‘») auch eine ganze Reihe neuer mitgebracht. Die interessanteste war «Wenn Sie Ihr bisheriges Leben als Bild malen sollten, wie sähe das dann aus?» Ich habe erst mal überlegen müssen, denn darüber hatte ich mir bislang noch nie Gedanken gemacht.

Und während ich nach dem passenden Bildnis suchte, schweifte mein Blick durch das Arbeitszimmer und blieb plötzlich auf dieser großen Schachtel hängen, in der ich meine ganz persönlichen Schätze aufbewahre. Zum Beispiel ein Paninialbum mit allen Spielern der WM 1974. Und schon hatte ich die Antwort gefunden.

«Wenn man so möchte», erklärte ich ihnen, «ist mein Leben wie eine Art großes Regal. Und in diesem Regal stehen hunderte von Sammelalben!» Was mein Leben wirklich ganz treffend beschreibt.

Denn tatsächlich habe ich das Gefühl, dass ich seit meiner Geburt ständig am Sammeln bin. Wobei ich jetzt weniger Fußballbildchen oder Matchbox-Autos meine. Nein, ich spreche von ideellen Werten. Das ging schon als Baby los, indem ich erste Eindrücke gesammelt habe, und hat bis heute nicht aufgehört. Ob es Erfahrungen sind, interessante Begegnungen, glückliche oder blöde Momente, Gewinne, Verluste, Lächeln, Enttäuschungen, interessante Meinungen, usw. Ich sammele und sammele, ob ich will oder nicht!

Und auch der Eintrachtfan in mir sammelt seit ich mich zurück erinnern kann. Große Momente wie das Tor von Fred Schaub zum Uefacupsieg 1980! Oder das von Alex Schur 2003 gegen Reutlingen und der damit verbundene Aufstieg.

Die Pokalsiege, der Scherenschlag von Bernd Nickel im Abstiegsderby, das Kopfballtor von Bernd Hölzenbein im Sitzen, den Übersteiger von Jan Aage Fjörtoft ... um nur ein paar der unauslöschbaren zu nennen. Blöderweise habe ich auch die weniger guten Momente gesammelt, wie zum Beispiel die gefühlten 1000 OFC-Tore von Erwin Kostedde gegen uns, den geplatzten Traum von Rostock oder die drei Abstiege.

Ja, je länger man Fan eines bestimmten Vereins ist, desto größer das Album im Kopf.

Liebes Tagebuch, jetzt möchtest Du bestimmt wissen, warum ich Dir das alles erzähle. Ganz einfach, weil ich mich dieser Tage gefragt habe, wann es mal wieder einen großen Moment geben wird, an den wir uns dann zeitlebens erinnern. Und soll ich ehrlich sein? Ich hab keine Ahnung. Denn die derzeitige Mannschaft gehört sicherlich nicht zu den schlechtesten Teams der Vereinsgeschichte, aber definitiv auch nicht zu den herausragenden.

Wann sie uns also mal wieder so richtig positiv überraschen, ist nicht absehbar. Die beiden Spiele gegen Bayern hätten natürlich das Zeug dazu gehabt, aber vor allem im Pokal waren wir Lichtjahre davon entfernt. Was wirklich schade ist.

Denn schon nur aus Gründen der Ehtik hätten wir gegen die Verfechter der selbstgefälligen Überheblichkeit was holen müssen! Allein diese Pose von Van Gaal beim 2:1 in München war so unsympathisch, dass es schon deswegen hätte nicht gegeben werden dürfen.

Und auch all diese Interviews nach der ersten Partie, in denen sie allesamt so taten, als wäre das Spiel gegen Frankfurt eher ein lästiger Pickel gewesen, den man zum Glück noch schnell hatte ausdrücken können, bevor man sich endlich wieder unter Seinesgleichen begeben konnte, machten es einem unter zwischenmenschlichen Aspekten nicht wirklich leichter, auch nur ansatzweise so etwas wie einen wohlwollenden Gedanken zu entwickeln.

Nein, ich habe es ihnen einfach nicht gegönnt! Aber auch wenn die letzte Woche weh getan hat, sollten wir nicht vergessen, dass es im aktuellen Ligabetrieb eine Menge Vereine gibt, denen es derzeit deutlich mieser geht als uns!

Ich möchte jedenfalls nicht mit einem Fan in Berlin oder Gladbach tauschen! Und selbst in Stuttgart oder Dortmund sind sie seit Wochen deutlich nervöser und dünnhäutiger
als wir hier!

Und deswegen, liebes Tagebuch, höre ich auch sofort wieder auf, vorwurfsvoll mit dem Sammelalbum der historischen Glanzpunkte zu wedeln, sondern hole stattdessen lieber jenes raus, in das man auch die kleinen Erfolgserlebnisse einsortieren kann. Hoffen wir einfach, dass die Eintracht in den nächsten Wochen die Bayernspiele schnell vergisst, und uns stattdessen weitere Sammelbildchen in Form von positiven Ergebnissen verschafft, die wir dann geduldig in eben dieses Album kleben.

Ein Sieg gegen Bochum wäre übrigens so ein Bildchen ...!

... in diesem Sinne!
Hendrik «Henni» Nachtsheim, einst Mitarbeiter der Sportredaktion der Frankfurter Neuen Presse, ist nicht nur in Hessen als die eine Hälfte des Comedy-Duos «Badesalz» bekannt. Früher war er Sänger der Rockband Rodgau Monotones.

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