Wie Elvis in der Tanzschule
Die Eintracht Frankfurt-Kolumne
Von Henni Nachtsheim,
16.10.2009
Henni Nachtsheims Eintracht-Tagebuch
Liebes Eintracht-Tagebuch,
... gestern Abend habe ich das erste Mal seit Langem so etwas wie Panik verspürt. Ganz plötzlich fing nämlich mein Fußboden an zu vibrieren. Sofort schoss es mir in den Kopf: Erdbeben!
Hysterisch rannte ich durch den Flur und riss die Haustür auf. Aber da war gar kein Erdbeben. Vor mir stand mein Freund Brocken. Was heiß «stand»? Brocken lehnte seinen geschätzten 150-Kilo-Körper an meine Hauswand, wobei seines Kopf aufgrund eines hochintensiven Rots durchaus auch als Feuerlöschers durchgegangen wäre.
Stöhnend schob er mich beiseite, stürzte in meiner Küche, nahm eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, und leerte sie in einem einzigen Zug. Dann noch eine, schließlich ein Bier.
Langsam wich das Signalrot aus seinem Gesicht einem zarten Fleischwurstteint. «Du hast Du jemanden abgemurkst und bist auf der Flucht, stimmt’s?“ Er schüttelte heftig den Kopf, und so langsam aber sicher kehrte seine Stimme zu ihm zurück: «Tanzen.»
Ich schaute ihn fragend an. «Ei in de Tanzschule. Ich dacht, wenn ich beim nächste Karnevalsball Rock`n Roll druff hab, erhöhn sich meine Chancen beim weibliche Geschlecht. Aber so werd’s nix.» «Was ist denn passiert?»
«Es fing super an. Mer habbe die ersten Schritte geübt und ich war klasse debei. Auch wenn man mir des net zutraut. Ich hab mich richtisch gut bewegt. Aber grad, als ich gedacht hab, dass ich de Größte bin, isses passiert: Ich hab meine Tanzpartnerin dermaßen schwungvoll hoch gestemmt, dass ich plötzlich es Gleichgewicht verlorn hab. Dann bin mit ihr quer durch de Saal getaumelt, und weil ich net stehen bleiben konnt, bin ich schließlich mit ihr durch eine Schwingtür in de Nachbarssaal gebrettert, wo grad eine Laienspieltruppe ‘Romeo und Julia’ geprobt hat. Den Romeo konnt ich grad noch umkurven, aber dann bin ich samt der Madame in meinen Armen schnurstracks in die Burgkulisse gedonnert, worauf diese die ganze Schauspieler unner sich begraben hat. War zum Glück alles nur aus Pappe. Aber trotzdem ham alle geschrien wie als wär`s de Weltunnergang.»
«Komm schon Brocken», sagte ich also, «mach Dir nix draus, das kann doch jedem mal passieren. Dass man gut anfängt, und dann plötzlich die Leichtigkeit verliert.»
«Hör uff, Du willst mich nur beruhischen.» «Nein, nimm doch zum Beispiel einfach mal unsere Eintracht. Deine ersten Tanzschritte waren so wie deren Spiel in Bremen oder auch das gegen Dortmund. Da haben sie sich danach auch erstmal gefühlt wie die Könige. Dann sind sie, genau wie Du, ins Stolpern geraten, und spätestens gegen Stuttgart richtig auf die Schnauze gefallen. So wie Du in die Burg. Und weil so was nicht spurlos an einem vorbei geht, haben sie dann auch noch auf Schalke verloren.»
Brockens Leidensmiene wich jetzt einem Ausdruck unübersehbarer Skepsis. «Henni, Du immer mit Deine selbstgestrickte Vergleiche.“ «Wieso denn? Stimmt doch alles.»
«Ach ja? Dann erklär mir doch mal, wie es dann weitergehen soll für die Eintracht - und für mich.» «Das ist doch ganz einfach! Du besinnst Dich drauf, wie gut Du eigentlich angefangen hast, und löschst einfach alles, was danach war. Und nächste Woche gehst Du einfach wieder zum Tanzunterricht und gibst alles.“
«Alles klar, Poeten-Henni, verstehe. Und die Eintracht macht des genau so wie ich. Erinnert sich an ihren guten Saisonstart, blendet alles Annere aus, und gewinnt gegen Hannover?“ «Genau.» «Schee wärs, wenn des immer so einfach wäre.» «Ich red nicht von ‘immer’, ich red vom Spiel gegen Hannover. Einfach mal wieder auf die eigenen Stärken vertrauen, einfach mal mit der gleichen bedingungslosen Euphorie zu Werke gehen, wie die Fans hinter ihnen, und so ein Team schlagen, das definitiv nicht besser ist als wir. Das ist doch absolut machbar.»
Plötzlich ging in Brockens Gesicht die Sonne auf. «Du bist und bleibst zwar ein Babbelmaul, aber der Gedanke ist schon schee!»
Okay, liebes Tagebuch, ein bisschen hab ich gemogelt, denn wirklich überzeugt war ich von meinen Worten selber nicht. Aber sich zumindest mal vorstellen, wie Brocken der Damenwelt den Elvis macht und die Eintracht souverän ihr erstes Heimspiel gewinnt, das hatte schon was.
... in diesem Sinne!
Hendrik «Henni» Nachtsheim, einst Mitarbeiter der Sportredaktion der Frankfurter Neuen Presse, ist nicht nur in Hessen als die eine Hälfte des Comedy-Duos «Badesalz» bekannt. Früher war er Sänger der Rockband Rodgau Monotones.