Von Nasenhaarschneidern und animalischem Sex
RMN-Kritik zu Seitensprung für Zwei
Von Achim Weiß
Es gibt Menschen, die behaupten, das Boulevardtheater sei tot. Recht lebendig geht es aber beim neuen Stück des Darmstädter Tap-Theaters zu. «Seitensprung für Zwei» ist die jüngste Komödie aus der Feder der beiden deutschen Autoren Lars Albaum und Dietmar Jacobs (die beiden Vorgänger «Einmal nicht aufgepasst» und «Das andalusische Mirakel» liefen ebenfalls im Tap). Die beiden schreiben ganz in der Tradition britischer und deutscher Boulevardkomödien der vergangenen 40 Jahre, schaffen es aber, eine eigene Art von Humor in ihre Stücke einzubauen, die durchaus auch ein jüngeres Publikum ansprechen kann. Gelacht wird am Premierenabend im Tap jedenfalls reichlich und es gibt wiederholt Szenenapplaus für besonders gelungene komödiantische Einlagen.
Zu niedlich ist freilich auch das Ehepaar Leah (Erika Best) und Paul (Dieter Rummel), das sich an seinem 19. Hochzeitstag einen Nasenhaarschneider «mit drei Betriebsarten» (Leah), und praktisch gar nichts (Paul) schenkt. Und dann müssen sich die beiden Langzeitpartner auch noch das Gemecker ihrer Freunde Alex und Katja anhören, wie eingefahren ihre Ehe doch sei und wie dringend sie einmal sexuelle Abwechslung benötigen würden. Oliver Lemki gibt als Alex sichtlich genussvoll den Playboy, der seinen Spießerfreund Paul schließlich zum Date mit einer mannstollen Friseuse überredet. Ihm steht Inka Schmietendorf als die überdrehte sexbesessene Katja (zudem in gewagten Kostümen) allerdings nicht nach. Die Szenen, in denen diese beiden ihre Verführungstricks für den geplanten gemeinsamen Seitensprung von Leah und Paul preisgeben, sorgen für einige der Highlights des Abends. Wie Schmietendorf demonstriert, dass ein dahin gehauchtes «Jose» oder «Miguel» beim Beischlaf erheblich erotischer klingt als ein «Jööööörg», das hat eindeutig was und erinnert ein wenig an das legendäre Gestöhne von Meg Ryan aus «Harry und Sally». Erst nach der Pause dürfen Stefanie Meisenzahl als Friseuse Sandy und Patrick Koch als ungarischer Tennistrainer Laslo zusätzliche komische Akzente setzen. Dabei strapaziert vor allem Koch mit seinem mehrdeutigen «jojojojojo» die Lachmuskeln. Erwähnt werden muss unbedingt noch, dass der inzwischen 70-jährige Theaterchef und Regisseur Dieter Rummel in der Hauptrolle trotz des offensichtlichen Altersunterschieds zu seiner Partnerin im Stück eine glänzende Figur abgibt. Ihm nimmt man immer noch Sprüche ab wie «Wir haben doch eine Ehe, was brauchen wir eine Beziehung?»
Das Stück lebt von seinem Dialogwitz und den spielfreudigen Darstellern. Dabei sitzt zwar nicht jede Pointe (ein paar Anspielungen auf Prominente wie Udo Jürgens oder Franz Beckenbauer sind doch etwas zu platt geraten), aber das Publikum hat trotzdem einen Heidenspaß an diesen Liebesverwicklungen eines, na ja, typisch deutschen Ehepaares. Außerdem muss man einfach miterleben, wie sich Stefanie Meisenzahl als Amsel, Oliver Lemki als Frettchen und Dieter Rummel als Löwe anstellen, so animalisch geht es nämlich am Ende der Komödie zu. Auch wenn von dem angekündigten wilden Seitensprung bald keine Rede mehr ist. Und als am Ende das ganze sympathische Ensemble noch «Ich war noch niemals in New York» anstimmt, singt auch das Publikum gerne mit und bedankt sich nicht nur brav, sondern geradezu frenetisch. Das Boulevardtheater – es lebt doch noch!