Carsten Schwöbel ist Küster in Frankfurt
«Dienst zu ungewöhnlichen Zeiten»
Von Anne-Katrin Einfeldt,
03.12.2008
Der Küster der Nikolaikirche, Carsten Schwöbel, steht an einem Torbogen auf dem Kirchendach in Frankfurt.
Frankfurt Carsten Schwöbel war vorgewarnt: «Dienst zu ungewöhnlichen Zeiten» stand in der Anzeige, auf die er sich vor zehn Jahren als Küster bei der Evangelischen Kirche bewarb. Sechs Tage in der Woche schließt er nun morgens die Alte Nikolaikirche auf dem traditionsreichen Frankfurter Römerberg auf.
So haben die Passanten, Frankfurter wie auch die vielen Touristen, Gelegenheit, in dem Gotteshaus Einkehr zu halten. Schwöbel ist stolz darauf, dass «seine» Kirche an 365 Tagen im Jahr geöffnet ist, grundsätzlich von 10-18 Uhr - im Sommer und im Advent auch länger.
Der 42-Jährige erinnert sich noch gut, dass er vor zehn Jahren der einzige Bewerber für die ausgeschriebene halbe Stelle war. Zuvor hatte sich der Sozialpädagoge schon mit nebenamtlichen Küsterdiensten in einer mittelhessischen Gemeinde bei Büdingen sein Studium mitfinanziert.
Aber auch da habe er schon nicht mehr die typische Küstertätigkeit, das Glockenläuten, ausgeübt.
In der Alten Nikolaikirche läuten die Glocken «schon seit den 20er Jahren elektrifiziert und heute ist alles im Computer einprogrammiert», sagt Schwöbel. Per Knopfdruck also. Nur das «Frankfurter Große Stadtgeläut» müsse er noch von Hand einstellen. Daran beteiligen sich die zehn Innenstadtkirchen traditionell an Heiligabend, zum ersten Advent sowie zu Ostern und Pfingsten.
Hauptarbeitstag eines Küsters sei und bleibe der Sonntag, sagt Schwöbel. An der Nikolaikirche gebe es dann zwei Gottesdienste. Da der erste um 9.30 Uhr beginne, müsse er um 8.30 Uhr anfangen. «Dann setze ich als erstes Kaffee auf.» Und danach geht es weiter mit den Vorbereitungen: «Ich mache das Licht an und zünde die Kerzen an.»
Dann geht es in die Sakristei. Aus einem alten Tresor holt er das Geschirr für das Abendmahl und stellt den Traubensaft dafür bereit. Danach scheidet er für die Zeremonie Weißbrot in Würfel. «Das hole ich am Vortag, dann lässt es sich besser schneiden.»
Jetzt können die Gläubigen kommen und werden an der Tür begrüßt. Die 1260 Mitglieder der Paulsgemeinde, deren Kirche auf dem Römerberg steht, sind relativ eifrige Kirchgänger: «Wir sind für Frankfurter Verhältnisse sehr gut besucht, vier Prozent der Gemeindemitglieder kommen am Sonntag», berichtet Schwöbel.
Die Neue Nicolaikirche komme dagegen selbst am Erntedankfest nur auf 0,6 Prozent. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Alte Nicolaikirche den Besuchern nach dem Gottesdienst Kaffee anbietet: «Der Kirchenkaffee ist schon wichtig - für das Stammpublikum, aber noch mehr für Leute, die neu in Frankfurt sind.»
Schwöbel, der von sich sagt, er habe eine «normale landeskirchliche Sozialisation» hinter sich, arbeitet in der Nicolaikirche nur zu 40 Prozent seiner mittlerweile vollen Stelle. Zehn Prozent gehen für das Frauenbegegnungszentrum und die andere Hälfte für die Evangelische Stadtakademie drauf. Neben den Gottesdiensten sind das dann eher Büroarbeiten. «Da muss ich schon mal nach dem Kopierer gucken.»
An der Alten Nicolaikirche gehört es zu seinen Aufgaben, die Kirche zu putzen. «Den Sandsteinboden darf man nicht feucht reinigen, sondern nur fegen», hat er bei seiner Einweisung vor zehn Jahren als Erstes gelernt. Und über den sauberen Sandsteinboden laufen täglich Hunderte von Besuchern der doppelschiffigen frühgotischen Kirche, die im 13. Jahrhundert erstmals erwähnt wurde. Gerade in der Vorweihnachtszeit sind nicht alle dem Küster gleich lieb: «Da kommen Menschen mit dem Glühweinbecher in der Hand. Die bitte ich nach draußen.»
Auch auf Touristen, die während des Gottesdienstes zum Schauen kommen wollen, ist der 42-Jährige nicht gut zu sprechen. Das sei «nervig». «Mittlerweile stehe ich oft einfach vor der Tür», sagt er und verhindert so, dass die kirchliche Feier gestört wird. «Küster» heiße schließlich lateinisch «Wächter», sagt Schwöbel und bilanziert: «Das Benehmen während der Gottesdienste lässt sehr zu wünschen übrig.» Und trotzdem, beteuert er, habe er seine Berufswahl «nicht eine halbe Sekunde bereut».