Wenn der Quirl den Zahnarztbohrer aus dem Rhythmus bringt
Von Monika Hillemacher,
12.08.2008
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Strahlentest beim VDE
Offenbach (dpa) Kaum quirlt der Handrührer in der Küche, beschleunigt in der Zahnarztpraxis nebenan der Bohrer auf Hochtouren und die Insulinpumpe des Nachbarn arbeitet plötzlich doppelt so schnell. So können die erschreckenden Folgen von elektromagnetischen Strahlen aussehen.
«Im Prinzip gibt jedes Gerät Strahlung ab und reagiert darauf», sagt Stefan Kloska vom VDE-Prüf-und Zertifizierungsinstituts in Offenbach. Damit Verbraucher Funkanwendungen trotzdem sicher und ungestört nutzen können, prüfen Kloska und seine Kollegen in einem neuen Kompetenzzentrum die elektromagnetische Verträglichkeit (EMV) von Geräten wie Handy und Mikrowelle oder chirurgischer Instrumente.
Den Prüfling Zahnarztstuhl setzen die Ingenieure zunächst mit Hilfe eines Senders elektromagnetischen Feldern aus. Funktioniert dennoch alles reibungslos, ist der erste Teil bestanden. In der nächsten Runde fährt der Stuhl wie im Alltag auf und ab, der Bohrer arbeitet.
In zehn Metern Entfernung fängt eine Antenne die ausgesandten Motorschwingungen auf. «Innerhalb bestimmter Grenzwerte beeinflusst der Betrieb weder andere Geräte noch hat er Rückwirkungen auf das Funknetz», erläutert Kloska, der das Kompetenzzentrum leitet. Zuviel Strahlung brächte einiges durcheinander.
Weder Handy noch die Internetverbindung W-Lan würden funktionieren, das Fernsehbild zeigte nur noch Streifen. Funkstörungen sind kein modernes Phänomen: Das in alten Radios hörbare Knistern gehört dazu.
Für medizinischtechnische Anwendungen - etwa chirurgische Instrumente im Hochfrequenzbereich - gelten besonders strenge Normen. Um die Mess-Exaktheit sicherzustellen, ist die Testhalle mit pyramidenähnlich geformten Absorbern aus Spezialkunststoff gegen irritierendes Funkrauschen von außen geschützt.
So beeinflussen weder Flugzeuge noch digitales Fernsehen oder Vögel die Messungen. Ein neues Verfahren verkürzt die Fehlersuche. Außerdem vertrauen die Prüfer auf ihr Wissen, «die richtige Funktion richtig zu überwachen.»
Auftraggeber der Messungen sind die Gerätehersteller. Zu den Hauptkunden gehört neben der Medizintechnik die Automobilbranche. «Der Anteil der Elektronikbauteile im Auto macht etwa 30 Prozent aus und wird weiter wachsen», sagt der Leiter Strategieentwicklung und Information des VDE-Prüfinstituts, Bernd Franke.
Parallel dazu steigt die Nachfrage nach elektromagnetischen Verträglichkeitstests. Während anfangs noch starke Rundfunksender die Autoelektronik verwirrten und Wagen wie von Geisterhand stoppten, könnten Franke zufolge heute bereits Mobiltelefone die Komponenten beeinflussen.
Denkbar wäre, dass der Airbag platzt, weil jemand im Vorbeifahren mit dem Handy telefoniert. Störfestigkeit gilt deshalb als Qualitäts- und Sicherheitskriterium.
Die Hersteller greifen für die Tests tief in die Tasche. Die Prüfung des Zahnarztstuhls kostet um die 3000 Euro. Ein Bruchteil der Entwicklungskosten und auf jeden Fall günstiger als eine Rückrufaktion oder Schadenersatzforderung.
Um ihr Geschäft machen sich die VDE-Prüfer keine Sorgen: Mit dem fünf Millionen Euro teuren Laborzentrum können sie ihre Kapazität von 500 auf rund 1000 EMV- Tests pro Jahr verdoppeln.
Zusätzlich testen die insgesamt 450 Experten des Prüf- und Zertifizierungsinstituts jährlich rund 100.000 Elektrogeräte auf Sicherheit und Gebrauchstauglichkeit.
VDE Prüf- und Zertifizierungsinstitut:
Merianstraße 28, Offenbach
» www.vde.com