Indiens Filmemacher suchen neue Drehorte
Bergstraße statt Matterhorn
Von Gert Blumenstock,
24.11.2006
» Zur Listenansicht
Der indische Filmproduzent Vinod Kumar Singh (l) steht mit einem Mitarbeiter vor dem Prettlakschen Haus im Prinz-Georg-Garten von Darmstadt (Archivfoto vom Sommer 2004).
Darmstadt (dpa) Das Matterhorn hat als Kulisse für indische Filmproduktionen offenbar ausgedient. Es ist nicht mehr exotisch genug, denn «das indische Publikum hat den Schweizer Berg schon zu oft gesehen», sagt der Darmstädter Christoph Rau, der sich als Location-Scout auf die Suche nach Drehorten für Kinofilme spezialisiert hat.
Die Kulisse in den so genannten «Bollywood»-Streifen stellt seit einiger Zeit Südhessen mit seinen malerischen Altstädten und seiner Nähe zum Frankfurter Flughafen.
Indien ist mit 1000 Filmen jährlich weltweit der größte Produzent. Deshalb seien spektakuläre Orte wie das Matterhorn, der Grand Canyon oder Traumstrände in der Karibik schon zu oft über die Leinwand geflimmert, sagt Rau. Indische Produzenten seien auf der Suche nach Alternativen.
Dabei scheint Südhessen gut im Rennen zu liegen. Im Sommer eröffnete in Heppenheim an der Bergstraße das erste deutsch-indische Filmbüro. «Es ist das einzige in der westlichen Welt. Das gibt es nicht in New York, Paris oder London», sagt der Bergsträßer Landrat Matthias Wilkes (CDU), der im Streifen «Humraah - The Traitor» sogar einen Gastauftritt hat. Die Bande nach Indien knüpfte die Hessische Filmförderung, die elf indische Produzenten nach Südhessen eingeladen hatte.
Der Geschäftsführer von Sigma-Films, Vinod Kumar Singh, war von den Fachwerkhäusern, Burgen und historischen Marktplätzen in Südhessen begeistert. «Das sind in den Augen des indischen Publikums exotische Orte, die sie noch nie gesehen haben.» Er versprach, zehn Filme zu drehen.
Anfang Oktober feierte seine Produktion «Humraah» Weltpremiere in Viernheim - als erster Bollywood-Film überhaupt in Deutschland. Der Begriff Bollywood gilt als Synonym für die indische Filmindustrie. Er setzt sich zusammen aus den Namen der wichtigsten indischen Filmmetropole Bombay (Mumbai) und des US-amerikanischen Filmzentrums Hollywood.
Landrat Wilkes setzte sich persönlich dafür ein, dass indische Produzenten zum Dreh in seinen Landkreis kommen. Er führte eine Delegation in ein Schloss zu einem mittelalterlichen Abendessen oder organisierte Fahrten zu Städten mit Fachwerkhäusern. «Unsere Region wird für Touristen aus Indien interessant, wenn hier Filme gedreht werden», sagt der Landrat.
Das zeige sich am Beispiel der Schweiz, die einen deutlichen Zuwachs von indischen Besuchern verzeichnet habe. Die Filmemacher kurbeln zudem die regionale Wirtschaft an, wie Location-Scout Rau vorrechnet. Jeder Euro, den die öffentliche Hand investiere, um Filmproduktionen zu unterstützen, mache sich vierfach bezahlt, weil Schauspieler, Kameraleute und Techniker auch viel Geld ausgeben - etwa für Übernachtungen oder Verpflegung.
Die Wissenschaftsstadt Darmstadt will ebenfalls indische Produzenten anlocken. Filme, die hier gedreht werden, seien Werbung für die Stadt, sagt der Leiter der Darmstädter Wirtschaftsförderung, Michael Kolmer: «Das sind Multiplikator-Effekte, die von unschätzbarem Wert sind.»
Darmstadt war in den 80er Jahren Schauplatz für die TV-Serie «Die Drombuschs» mit Günther Strack und Witta Pohl. «Wenn die Serie wiederholt wird, steigen die Zugriffszahlen auf die Internetseiten der Stadt», sagt Kolmer. Er wertet das als Beleg für den Werbeeffekt von Film und Fernsehen.
Einen ersten Erfolg kann Kolmer bereits melden: Der Filmemacher Raja Ramesh von Madras Entertainment dreht in Darmstadt Videos für seine neue Produktion. «Der Samen ist gesät», sagt der cineastische Fährtensucher Rau. Er glaubt fest daran, dass zahlreiche weitere Produzenten nach Darmstadt und Südhessen kommen.
Das Engagement der Stadt und des Landkreises Bergstraße ist jedoch nicht ohne Risiko. Denn sie unterstützen möglicherweise Bollywood-Streifen, deren künstlerische Qualität fraglich ist. «Humraah - The Traitor», der mit wackeligen Bildern an ein Homevideo erinnert, fiel beim deutschen Premierenpublikum in Viernheim jedenfalls glatt durch.