Frankfurt – Deutschlands Drogenhauptstadt
Alternde Junkies verwandeln Drogen-Hotspot
09.07.2008
Ein junger Süchtiger löst im Druckraum der AIDS-Hilfe 'La Strada' in Frankfurt Heroin in einem Esslöffel auf, um es sich anschließend in die Vene zu spritzen.
Frankfurt (dpa) Frankfurt ist und bleibt eine der Drogenhauptstädte Deutschlands, das haben die jüngsten Zahlen des Bundeskriminalamtes erneut belegt. In keiner anderen deutschen Großstadt werden anteilig so viele Drogenverbrechen von der Polizei entdeckt wie hier, strittig ist nur die Frage nach den Gründen.
Danach kamen auf 100.000 Frankfurter Bürger im vergangenen Jahr 928 von der Polizei festgestellte Drogendelikte.
Ähnlich hohe Werte registrierte das BKA nur noch in Hannover mit 825 Taten pro 100 000 Einwohner. Es folgen Augsburg (645), Düsseldorf (636), Hamburg (615), Bremen und Kiel (je 600). In Berlin wurden mit 11 236 zwar die meisten Fälle bekannt, die Häufigkeitszahl lag aber bei vergleichsweise niedrigen 330.
Die Frankfurter Polizei verwies auf Sonderfaktoren, welche die Metropole in der Mitte Deutschlands besonders belasteten. In die Frankfurter Statistik fließen der Polizei zufolge sämtliche Fälle von Deutschlands größtem Flughafen ein. Auch die Bahn und die überregionalen Autobahnen trügen zur Drehscheibenfunktion bei, die eben der Drogenhandel nutze.
Frankfurt auch Crack-Hauptstadt
Unverändert blieb auch die Funktion Frankfurts als Crack-Hauptstadt. Das Kokain-Produkt mit hohem Suchtpotenzial ist nach den BKA-Erkenntnissen weiterhin fast nur in Frankfurt und Hamburg erhältlich, wo zusammen fünf Kilogramm sichergestellt wurden.
In der Szene der Stadt selbst lässt sich eine Verschärfung der Situation kaum beobachten, wenngleich sie in einem deutlichen Wandel begriffen ist: Die Süchtigen werden immer älter.
Bald Alters- und Pflegeheime für Junkies?
Nicht zuletzt wegen der verbesserten Hilfsangebote in den Großstädten steige die Zahl der Süchtigen im Alter von über 45 Jahren, sagt die Frankfurter FH-Professorin Irmgard Vogt. Man müsse über Alters- und Pflegeheime für Junkies nachdenken. «Ein Drogenabhängiger ist sicherlich mit 60 Jahren gebrechlich.» Etwa jeder vierte der geschätzten 9000 Menschen, die sich in Frankfurt mit illegalen Drogen versorgen, dürfte bereits die 40 überschritten haben. Im Kontaktladen «Café Fix» am Bahnhof gehe es deswegen zunehmend ruhiger zu, berichtet die Einrichtungsleiterin Birgit Wichelmann-Werth. Die älteren hätten ein höheres Bedürfnis nach Ruhe und eine große Angst vor der Einsamkeit.
Viele der Alt-Junkies erinnern sich noch an die offene Szene zu Füßen der Banktürme in der Taunusanlage. Die Bilder Hunderter verlotterter Süchtiger, die miteinander dealten, sich prostituierten und auf offener Straße Drogen spritzten, prägen das schlechte Image Frankfurts bis heute. Dabei haben Stadt und Polizei 1992 unter der Ägide des damaligen SPD-Oberbürgermeisters Andreas von Schoeler die offene Szene weit früher konsequent abgeräumt als beispielsweise Hamburg oder Hannover. In der sogenannten «Montagsrunde» verabredeten Sozialarbeiter, Juristen und Polizisten parallel zu den verschärften Kontrollen ein verbessertes Hilfesystem, das sich mit den Jahren immer weiter ausdifferenzierte. Die Junkies sind seitdem nicht mehr so einfach zu sehen, gleichwohl immer noch in großer Zahl vorhanden.
Ersatzdrogen für Süchtige
Mittlerweile ist Europas größte Drogenhilfeeinrichtung, das «Eastside» im industriellen Ostend, das komplett sanierte Flaggschiff einer ganzen Reihe von Einrichtungen, die sich engagiert um die Süchtigen kümmern. Die Abhängigen erhalten sofortige Substitution mit Ersatzdrogen, eine allgemeinmedizinische Betreuung und sogar Ausbildungs- und Arbeitsangebote, wenngleich für viele eine saubere Spritze, ein Bett oder eine heiße Tasse Kaffee erstmal das Wichtigere ist. In den vier Druckräumen der Stadt erscheinen im Jahr rund 4500 verschiedene Konsumenten. Eine kleine Schar Heroinsüchtiger erhält in einer eigenen Ambulanz sogar synthetischen Stoff vom Staat, ohne dass sich dagegen größerer Widerstand im Rathaus Römer geregt hätte.
Die Stadt hat sich unter Führung der CDU-OB Petra Roth für das als Medikamentenversuch gestartete Projekt stark gemacht wie keine andere Kommune in Deutschland und damit ihre progressive Drogenpolitik fortgesetzt. Der erste Konsumraum Deutschlands wurde 1994 nicht zufällig in Frankfurt eröffnet, und selbst einen Rauchraum für Crack- Konsumenten gibt es inzwischen im Bahnhofsviertel. Auf der anderen Seite wurde das mit der Hilfe verbundene Konzept der sauberen Bürgersteige zur Fußballweltmeisterschaft 2006 noch einmal verschärft. «Offensive Sozialarbeit, Sicherheit, Intervention und Prävention» (OSSIP) nennt sich das Programm, mit dem die Polizei offenen Handel und Konsum unterbindet und gleichzeitig die Sozialarbeiter versuchen, die disparaten Süchtigen an ihre Einrichtungen zu binden.
Zahl der Einsteiger geht zurück
Schon aus demografischen Gründen geht die Zahl der registrierten Erstkonsumenten harter Drogen seit Jahren kontinuierlich zurück, wie aus Zahlen des Drogenreferats hervorgeht. 44 Drogentote hat es 2007 gegeben, so viele wie seit Jahren nicht mehr und doch meilenweit vom Rekordwert 147 aus dem Jahr 1991 entfernt. Derartige Verhältnisse werden nicht wiederkommen, ist sich der Leiter des Eastside, Michael Tuchert, sicher. An seinen Klienten beobachtet er dennoch Besorgnis erregende Trends: «Die Gründe des Konsums haben sich verändert. Das sind Leute, die einfach mit der Gesellschaft nicht mehr zurecht kommen und denen es nur darum geht, die Realität auszublenden.» Jedem müsse Hilfe angeboten werden, das für ihn Machbare zu erreichen.