Habib Bellaid – Sein Instrument ist der Ball
09.07.2008
Offener, umgänglicher Typ, der gerne und viel lacht und den Kontakt mit Mitspielern sucht: Habib Bellaid.
Von Markus Katzenbach
Zell am Ziller. Habib Bellaid macht dieser Tage einige ungewohnte Erfahrungen. Am Dienstagvormittag ist der französische Fußballprofi mit den neuen Kollegen von Eintracht Frankfurt auf einem Mountainbike eineinhalb Stunden durchs Zillertal gesaust, am Donnerstag soll es mit dem Rad gar in die Gondel gehen. Hinauf auf 1800, 1900 Meter, quer über die Kreuzwiesenalm und schließlich hinab ins Tal. „In Straßburg sind wir zwar auch Rad gefahren, aber nicht so lange und nicht in die Berge“, berichtet Bellaid. Probleme bereiten die Berg- und Taltouren dem 22 Jahre jungen Innenverteidiger freilich nicht, ohnehin scheint ihm die Eingewöhnung im neuen Arbeitsumfeld leicht zu fallen.
Bellaid ist ein offener, umgänglicher Typ, der gerne und viel lacht und der den Kontakt mit den Mitspielern sucht. Dafür nimmt er auch doppelte Strapazen in Kauf: Mit seinem alten Verein Racing Straßburg, bei dem ihn die Eintracht für 2,5 Millionen Euro auslöste, war er eben erst im Trainingslager, nur zwei Tage nach der Verkündung seines Wechsels am Freitag ist er nun mit der Eintracht ins Zillertal aufgebrochen. „Die Belastung ist hoch, aber ich bin froh, dass ich hier bin“, sagt Bellaid, „das hilft mir, die Leute kennenzulernen, mich in die Mannschaft rein zu finden.“
Die Sprache ist dabei kein Hindernis. Mit den Brasilianern Chris und Caio tauscht er sich mittels seiner in der Schule erworbenen Spanisch-Kenntnisse aus, mit Marco Russ, mit dem er in Zell am Ziller das Hotelzimmer teilt, und den anderen spricht er Englisch. „Kein Problem“, meint Bellaid.
Und im Zweifelsfall gibt im Trainingslager der deutsch-kongolesische Nachwuchsstürmer Juvhel Tsoumou den Französisch-Deutsch-Dolmetscher. Trotzdem will Bellaid so schnell wie möglich Deutsch lernen, ein paar Versatzstücke kann er schon – nicht nur das unterscheidet ihn von Sotirios Kyrgiakos, seinem Vorgänger in der Frankfurter Innenverteidigung.
Bei den ersten Trainingseinheiten weiß Bellaid zu überzeugen. Er fordert den Ball und weiß mit ihm umzugehen, findet selbst für knifflige Situationen spielerische Lösungen. Auch das hat ihn zum Kandidaten für den Neuaufbau der französischen Equipe gemacht, die Jugendnationalmannschaften hat er ohnehin alle durchlaufen. 1999 war er mit 13 Jahren in Clairefontaine aufgenommen worden, dem berühmten Leistungszentrum des Verbandes, der Brutstätte jener Auswahl, die ein Jahr zuvor Weltmeister geworden war. „Das war ein Traum“, erinnert sich Bellaid. „Zidane, Trezeguet, Henry. Sie alle waren hier, wir haben sie immer wieder gesehen. Henry hat auch manchmal mit uns geredet.“ Eigentlich wollte der gute Schüler Bellaid einmal Pilot werden, in Clairefontaine änderte er seinen Berufswunsch. „Da habe ich mir geschworen, Fußballer zu werden.“
Aufgewachsen ist der Sohn eines tunesischen Vaters und einer algerischen Mutter in Bobigny – einem jener Banlieues am Rande von Paris, die heftiger sozialer Unruhen und Krawalle wegen immer wieder in den Schlagzeilen sind. „Ein Ghetto“, sagt Bellaid. Ihm selbst hat auch der Sport geholfen, in Bobigny akzeptiert zu werden, Probleme hatte er im Viertel nicht. Anfangs spielte er für Red Star Paris. Über Clairefontaine kam er mit 16 Jahren nach Straßburg, das er nach dem neuerlichen Erstliga-Abstieg nun in Richtung Frankfurt verlassen hat.
Bei guten Bekannten wie dem Hannoveraner Gaetan Krebs, dem Leverkusener Karim Haggui oder seinem besten Freund, dem zwischenzeitlichen Bayer-Profi Ricardo Faty, hat sich der 1,89 Meter große Modellathlet über die Bundesliga informiert. „Sie haben mir gesagt, dass ich unbedingt dahin gehen soll. Das sei eine andere Welt.“
Bei der Eintracht rangelt der mit einem Vierjahresvertrag ausgestattete Verteidiger künftig mit Marco Russ und dem mexikanischen Nationalspieler Aaron Galindo um die zwei Stammplätze im Abwehrzentrum.
Seine Schnelligkeit kann Bellaid dabei in die Waagschale werfen, seine Abgeklärtheit im eigenen Strafraum. „Ich weiß, was im Sechzehner zu tun ist“, sagt er. „Erstmal kommt das Verteidigen. Wenn ich kein Gegentor bekomme, geht es mir besser.“
Wenn das erste Trainingslager im Zillertal vorbei ist, packt Bellaid in Straßburg seine Sachen und zieht mit seiner Verlobten nach Frankfurt – gesucht wird eine Drei-, Vierzimmerwohnung in der Nähe des Stadions. Dann wird er auch wieder mehr Zeit für seine Hobbys haben. Für Geografie interessiert sich Bellaid, für Filme und für Musik, für Hiphop vor allem.
Ob er auch selbst ein Instrument spielt? Habib Bellaid formt mit den Händen eine Kugel in der Luft und lacht: „Nur Ball.“