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| Redaktionswertung: | akzeptabel |
| Regie: | Christoph Stark |
| Schauspieler: | Rainer Bock, Peri Baumeister, Lars Eidinger |
| Genre: | Drama |
| Land: | D |
| FSK: | 16 |
| Laufzeit: | 93 Min. |
| Start: | 31.05.2012 |
Wann wird schon mal ein deutscher Dichter derart intensiv in einem Spielfilm aus dem Off zitiert? Lars Eidinger, der Georg Trakl jetzt in dem deutsch-österreichischen Spielfilm "Tabu - Es ist die Seele ... ein Fremdes auf Erden" spielt, tut's mit Bravour. Und freilich ist man von den Zeilen des Gedichts "Blutschuld", die dann im Film immer wiederkehren, gefangen: "Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse ... Noch bebend von verruchter Wollust Süße. Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld." Ohne Frage sind die Zeilen auf die inzestuöse Liebe Georg Trakls zu seiner Schwester Grete bezogen, in der er seine eigene Seele gespiegelt sah. Zwölf Jahre dauerten die Vorbereitungen zum Film, der einen starken Schauspieler als Zentrum hat, sich dann aber doch in einem parfümierten Kunstwillen verzettelt.
Edler könnten die Kostüme der Jahrhundertwende gar nicht sein, Wiener Klassik gründelt auf der Tonspur, und die Kamera gibt bei allen Liebesakten durchaus ihr Bestes. Sie malt in schönsten Farben und zeichnet fein.
Es sind die ersten Erfolge eines Dichters, der die viereinhalb Jahre jüngere Schwester als Seelengleiche und Retterin gegenüber einer feindlichen Umwelt liebt. 1908 entschließt sich Trakl als 21-Jähriger nach schulischem Scheitern nach Wien zu gehen, um Pharmazie zu studieren. Und natürlich will die ihn liebend bewundernde Schwester mit, sie wird an der dortigen Musikakademie für ein Klavierstudium aufgenommen. Trakl versucht sie zurückzuhalten, doch sie setzt ihren Willen durch, geht an die Akademie - als eine der ersten Frauen ihrer Zeit.
Grete, gespielt von Peri Baumeister, ist mehr als nur die Muse eines Dichters, sie tauscht mit dem Bruder Gefühle und Gedanken aus, wobei sich stets ein gewisses Gefälle zwischen dem Dichtergenie und ihr selbst ergibt. Grete träumt von einem freien Leben zu zweit, der schwermütige, teils wild-expressive Trakl aber stößt sie aus Gründen der Contenance von sich. Ausgerechnet er, der Drogensüchtige, hält den gesellschaftlichen Druck nicht aus. Als Grete schwanger wird, verheiratet er sie mit dem um 20 Jahre älteren Musikprofessor (Rainer Bock), bei dem Grete studiert.
Ursula Mauder (Drehbuch) ging mit dem faktischen Leben Trakls sehr frei um. Nicht nur die Heirat mit dem Musikprofessor ist frei erfunden, auch wird der Inzest überraschend deutlich dargestellt. Von dichterischer Sublimation in den Gedichten kann da keine Rede (mehr) sein.
Macht aber nichts. Wann wird schon mal in einem Kinofilm für die Poesie Partei ergriffen, zumal für einen österreichischen Expressionisten? Ein ARTE-Film, denkt man. Etwas für kurz vor Mitternacht. Erotik, Sex und Poesie. Aber ARTE war bei der Produktion gar nicht dabei. Bloß der BR, die Degeto und der ORF. Eine Entdeckung am Rande: Peri Baumeister als Grete mit ihrem Kinodebüt. Bildschön und selbstbewusst, wird sie vom "Dichter" Eidinger dann aber doch manchmal zu sehr an die Wand gespielt.