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Fußball-Physik
Die Eintracht Frankfurt-Kolumne
Von Henni Nachtsheim, 12.02.2010
Hennis Eintracht-TagebuchHenni Nachtsheims Eintracht-Tagebuch
Liebes Eintracht-Tagebuch,

gestern hat Jens, der Sohn meiner Nachbarn, mal wieder wegen seiner Hausaufgaben bei mir geklingelt. Er solle etwas über «Geschwindigkeit» schreiben, aber ihm fiele nichts ein.

Da ich ihn nicht enttäuschen wollte, verschwieg ich ihm nicht nur, dass sowohl Physik als auch Mathe in der Schule immer zu meinen natürlichen Feinden gehört hatten, sondern setzte ihn für ein paar Minuten vor den Fernseher, um dann schnell im Internet nachzuschauen, ob ich was Passendes finden könne.

Schon kurz darauf erklärte ich ihm mit betont schlauer Angebermiene, dass wir das Errechnen der so genannten «Durchschnittsgeschwindigkeit» einem im 16. Jahrhundert lebenden italienischen Mathematiker namens Galileo Galilei zu verdanken haben.

Der hatte nämlich als Erster die Geschwindigkeit gleichförmig-geradliniger Bewegung geometrisch definiert, und zwar als Proportionalität der vom bewegten Körper zurückgelegten Strecken zu den dazu benötigten Zeiten.

Als ich Jens‘ verstörten Gesichtsausdruck sah, begriff ich, dass ihn das nicht wirklich weiterbringen würde. Also versuchte ich es mit einer Geschichte, die mir mein guter Freund und Badesalzpartner Gerd schon vor Jahren erzählt hatte. Nahe seiner damaligen Wohnung gab es nämlich seinerzeit eine Nachtkneipe, in der sich so ab 1 Uhr Menschen aller Couleur trafen. Taxifahrer, Musiker, Arbeiter, jede Menge Herrschaften aus dem Rotlichtmilieu usw.

Eines Nachts provozierte ein angetrunkener Literaturprofessor einen Zuhälter, mit dem er zufällig an einem Tisch saß, so lange, bis der die Geduld verlor, und seinem Gegenüber mit einem blitzartigen Schlag den Redefluss stoppte.

Doch statt geschockt zu reagieren, griff sich der eher verdutzte Prof an die blutende Lippe und rief nur «Donnerwetter! Und mit was für einer Geschwindigkeit!» Aber auch diese Geschichte schien dem Bub keine wirkliche Hilfe zu sein, so verständnislos, wie er mich jetzt anstarrte.

Also unternahm ich einen letzten Versuch. «Du magst doch Fußball, oder?» «Und wie!» «Gut» fuhr ich fort, «der hat auch ganz viel mit Geschwindigkeit zu tun!» Eifrig holte er Papier und Stift aus seinem Ranzen, um sich aufmerksam Notizen zu machen. «Wobei ich jetzt gar nicht das Spiel oder die Spieler selbst meine, oder wie schnell ein Ball aufs Tor fliegen kann. Ich meine eine andere Form von Geschwindigkeit. In keiner anderen Sportart verändern sich Dinge nämlich so schnell wie beim Fußball. Meinungen z. B. Oder Ansehen. Nimm doch nur mal die Bayern und ihren holländischen Kartoffelkopfgeneral! Noch vor wenigen Wochen fanden den in Fußballdeutschland alle blöd. Eingebildet. Nicht gut genug. Heute jubeln ihm alle zu, und in München gibt es bereits Schönheitschirurgen, die Männern den Hals verlängern, damit sie aussehen wie er!»

Jens nickte wissend, während er mitschrieb. «Oder guck Dir Stuttgart an. Eben noch Abstiegskandidat, aber jetzt schon wieder Zehnter, Tendenz steigend. Und das nur, weil sie Nosferatu als Trainer verpflichtet haben, und die Spieler seitdem allein schon aus Angst um ihr Leben rennen wie verrückt. Oder Oliver Bierhoff. Galt der bis gestern noch als Inbegriff für Fortschritt und Modernisierung, haben sie heute im neu herausgegebenen Duden den Begriff «Halsabschneiderei» durch «Bierhoffing» ersetzt!»

«Ich weiß auch ein Beispiel» rief Jens plötzlich. «Die Eintracht! Noch vor kurzem im Winterurlaub hat mich so ein doofer Junge aus Wolfsburg immer nur ausgelacht, und gerufen ,Ihr seid nur Mittelmaß, Ihr seid nur Mittelmaß!‘ Und jetzt hat er mir nach dem Spiel in Dortmund eine SMS geschrieben, und sich dafür entschuldigt! Ja, er hat sogar gemeint, wenn die weiter so toll spielen würden, und jetzt am Samstag gegen Freiburg gewinnen, wäre sogar ein Europa-League-Platz drin!»

Für einem kurzen Moment strahlte er mich an, um im nächsten schon wieder nach- denklich zu werden. «Andererseits ... wenn nicht, und wenn sie eine Woche später in Hamburg verlieren, können wir das ruckzuck wieder vergessen! Sie haben recht ... nirgendwo ist die Geschwindigkeit schneller als beim Fußball!»

Ganz ehrlich, liebes Tagebuch. Für einen Augenblick überdachte ich die Möglichkeit, per Fernstudium vielleicht doch noch Pädagoge zu werden! Am nächsten Tag klingelte Jens bei mir, um sich zu bedanken «Hab ne glatte Eins bekommen!»

«Wow», rief ich stolz «da siehst Du mal, wozu Fußball alles gut sein kann!» Er schluckte. «Es ist so ... ich hab dann doch das mit diesem Galilei geschrieben ... Tschüß Herr Nachtsheim!» Tja, wie schnell man sich täuschen kann ... aber so ist es nun mal mit der Geschwindigkeit!

In diesem Sinne!

Hendrik «Henni» Nachtsheim, einst Mitarbeiter der Sportredaktion der Frankfurter Neuen Presse, ist nicht nur in Hessen als die eine Hälfte des Comedy-Duos «Badesalz» bekannt. Früher war er Sänger der Rockband Rodgau Monotones.
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