Rückblick: Musterbeispiel der Leistungsexplosion
Von Rainer Jourdan
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Da haben die Bayern das Nachsehen: Harald Karger köpft aus der Mitte des Strafraums das 4:1. Foto: Imago Frankfurt: Die Münchner Bayern hatten zwischen 1970 und 1990 im Waldstadion kaum Grund zur Freude. Aber so etwas Ähnliches wie das Bundesliga-6:0 der Eintracht vom Herbst 1975 würde es sicher nicht mehr geben. Oder? Doch. Im Frühjahr und Sommer 1980 stand der deutsche Fußball in voller Blüte. Im Uefa-Pokal (damals mit recht hohem Stellenwert) waren im Halbfinale vier Bundesligisten unter sich, der Hamburger SV zog nach einem berauschenden 5:1 gegen Real Madrid ins Finale des Landesmeister-Wettbewerbs ein, und zwei Monate später wurde die Nationalmannschaft von Trainer Jupp Derwall Europameister in Italien.
Die Eintracht trieb in jener Saison ihre Fans oft zur Verzweiflung, weil sie jegliche Konstanz vermissen ließ. Klasse-Spiele hier, krasse Enttäuschungen dort. Deshalb sprang am Ende auch nur Platz neun heraus. Immerhin diente der Uefa-Pokal als Trostpflaster, und als dann sogar der Sprung ins Halbfinale glückte, war klar: Ein unverhoffter internationaler Triumph könnte die Saison „retten“. Allerdings war die Stimmung nach dem 0:2 im Hinspiel bei den Münchner Bayern gedämpft, die mal wieder die Meisterschaft im Visier hatten und dann auch gewannen. Und Kapitän Jürgen Grabowski fiel zudem nach dem Matthäus-Foul im Bundesliga- Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach wenige Wochen zuvor weiterhin verletzt aus.
Nach Pezzeys Tor überschlagen sich die Ereignisse
Damals war noch nicht klar, dass die Karriere des Weltmeisters bald beendet sein würde. Was dann aber im Rückspiel geschah, am 22. April 1980, werden die Fans nie vergessen. Der krasse Gegensatz zum 6:0 gegen die Bayern viereinhalb Jahre zuvor: War das Bundesligaspiel mit dem 5:0 bereits zur Halbzeit gelaufen, fing der Uefa-Pokal- Thriller quasi erst zehn Minuten vor Ende der regulären Spielzeit an. Die Eintracht benötigte nach dem Kopfball-Tor von Bruno Pezzey („Das Musterbeispiel der Leistungsexplosion“, schrieb die Frankfurter Rundschau über den Österreicher) in der 30. Minute noch ein Tor, um eine Verlängerung zu erzwingen.
Die Fieberkurve stieg an, und die Frankfurter Neue Presse beobachtete: „Ab der 80. Minute erlebte man für Frankfurter Verhältnisse schier Ungewöhnliches. Da wuchs das Publikum, ähnlich dem in britischen oder italienischen Arenen, zum zwölften Spieler, peitschte mit rhythmischem Klatschen und pausenlosen Anfeuerungsrufen die Mannschaft nach vorne.“ Plötzlich überschlugen sich die Ereignisse, die FNP erlebte eine „ungeheure Dramatik“, die Rundschau titelte: „Jede Logik wurde von der Eintracht aus den Angeln gehoben.“ Ein Schuss von Cha Bum wurde von Bayern-Torhüter Junghans an die Latte gelenkt, ein Kopfball von Ronald Borchers klatschte an den Pfosten, ein Kopfball von Pezzey tropfte von der Latten-Unterkante ins Feld zurück.
Dies spielte sich alles im Minuten-Takt ab, und inmitten dieser Turbulenzen wechselte der in jenen Wochen stark umstrittene Trainer Friedel Rausch den jungen Hoffnungsträger Harald Karger ein, dessen Stern in dieser Saison aufgegangen war und der bereits im Liga-Spiel mit zwei Toren Wegbereiter des 3:2 gegen die Bayern gewesen war. Knapp 30 Jahre später kann sich Karger, den sie wegen seiner immensen Kopfballstärke „Schädel-Harry“ nannten, noch erinnern, „mit welchem Elan ich in dieses verrückte Spiel eingegriffen habe.“ Aber bevor der Mittelhesse Karger in den Blickpunkt rückte, war es erneut der an diesem Abend alle überragende Pezzey (Abendpost-Nachtausgabe: „Weltklasse! Beckenbauer hätte es auch nicht besser machen können.“), dessen Kopfball in der 86. Minute die Verlängerung sicherte.
Harald Karger verwandelt das Waldstadion in ein Tollhaus
Das Waldstadion hatte sich endgültig in ein Tollhaus verwandelt, und die Eintracht in ihrem Rausch konnte auch ein FC Bayern nicht mehr aufhalten. Nach Zusammenspiel mit dem gleichfalls blendend aufgelegten Regisseur Bernd Nickel schlug Karger zum ersten Mal zu, und selbst das 1:3 von Dremmler, dessen Schuss Jürgen Pahl unter seinem Körper durchrutschen ließ, konnte die Eintracht nicht irritieren. Nach Nickels Freistoß war Kargers Stirn zum 4:1 zur Stelle, und als Weiner den langgezogenen Sprint von Karger erst per Foul im Strafraum bremsen konnte, setzte Werner Lorants Elfmeter den Schlusspunkt. Ein überwältigter Karger, der von der Nachtausgabe ebenso die Höchstnote 1 erhielt wie Pezzey, Charly Körbel („schaltete Dieter Hoeneß völlig aus und kämpfte wie ein Berserker“) und Nickel, stammelte hinterher: „Das war der bisherige Höhepunkt meiner Karriere.“
Die Rundschau schrieb: „Schädel- Harry muss man wohl heißen und sein, um es fertigzubringen, praktisch aus dem Stand zwei entscheidende Treffer in der heißesten Phase eines solchen Spiels erzielen zu können.“ Und in der Neuen Presse war zu lesen: „Karger ist das deutsche Gegenstück zu David Fairclough vom FC Liverpool, den sie auf der Insel „Super-Sub(stitute)“ getauft haben.“ Leider war Karger keine große Zukunft mehr vergönnt, weil er sich im ersten Uefa-Cup-Endspiel in Mönchengladbach schwer verletzte. Eine verheißungsvolle Profi-Laufbahn trudelte in den nächsten Jahren aus.
Wer’s vergessen haben sollte: Nach dem 2:3 vom Bökelberg eroberte die Eintracht durch das 1:0 in Frankfurt den Pokal. Aber den Hauptstoff zur Legendenbildung lieferte das 5:1 gegen die gedemütigten Bayern.
Statistik des Spiels
Eintracht: Pahl – Pezzey – Neuberger (83. Müller), Körbel, Lorant Nachtweih, Borchers, Nickel, Ehrmantraut (83. Karger) Cha, Hölzenbein.
Bayern: Junghans Weiner Dremmler, Augenthaler, Horsmann Niedermayer, Dürnberger (91. Janzon), Breitner, Kraus (40. Oblak) Dieter Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge.
Zuschauer: 50.000.
Tore: 1:0 Pezzey (30.), 2:0 Pezzey (86.), 3:0 Karger (103.), 3:1 Dremmler (104.), 4:1 Karger (107.), 5:1 Lorant (118., Foulelfmeter).
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Kommentare
Gast Gast schrieb am 20.03.2010 07:57 Uhr
Eintracht
Steht auf wenn IHR Adler seid!!!!!!!!